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Ein Überfall
gepostet am 04.06.2003
   
Elpede

lpede hatte den ganzen Tag im Hafenviertel gewartet und die Taverne beobachtet, die er mit einigen Banditen überfallen wollte. Jetzt, am frühen Abend, begann sie sich zu füllen. Zumeist Arbeiter und Tagelöhner, bei denen nicht viel zu holen war. Aber andererseits war das Risiko, zu scheitern auch nicht besonders hoch.

Schließlich tauchten sie hinter dem Felsen auf - zwei Boote, besetzt mit jeweils 4 gut bewaffneten Banditen. elpede sah sich rasch um. Niemand schien das Nahen der Boote zu bemerken oder zu beachten - so genau konnte man das nicht deuten. elpede eilte eine kleine Treppe an der Mauer hinunter an den Steg. Bald schon legten die Boote an und die Banditen stiegen aus.

elpede sprach kurz mit Drake und nur wenige Minuten später schwärmten die Banditen aus. Zwei eilten die Treppe an der linken Seite des Hafens hinauf und sicherten so den Zugang zur Taverne, zwei weitere postierten sich auf einem Haus direkt an der Hauptstraße, die hinauf ins Händlerviertel und dann direkt aus dem Südtor der Stadt hinausführte.

Ein Bandit blieb bei den Booten, und elpede schloss sich Drake, Frodo und einem weiteren Banditen an, der von den anderen Sergio gerufen wurde. Zu viert und mit gezogenen Waffen betraten sie schließlich die Hafenkneipe.

Die Kneipe war gut gefüllt, einige Gäste bereits angetrunken, und so brauchte es ein paar Augenblicke, ehe jemand die vier bewaffneten Männer bemerkte und laut rufend auf sie deutete. Einen Moment später war es still, und Frodo kletterte auf einen der Tische.

"Guten Abend, sehr verehrte Damen und Herren, das ist ein Überfall. Bitte legen Sie Ihre Wertsachen auf den Boden und halten Sie Ihre Waffen bei sich, die Jungs hier mögen das nämlich gar nicht, wenn man ´ne Waffe zieht."

Frodo grinste, und elpede sah sich kurz um. Obwohl etliche Leute da waren, hatte kaum einer eine ordentliche Waffe. Die meisten führten Knüppel bei sich, oder einen Degen, Schwerter indes sah man keines. Niemand regte sich. Alle starrten noch immer auf ihn und die Banditen.

"Okay - welchen Teil von "Wertsachen rausrücken" habt ihr jetzt nicht verstanden?", rief der Wolfszüchter und zielte mit seinem Bogen auf irgendeine Person in der Menge.

"Wie wäre es, wenn du mal mit gutem Beispiel vorangehst?"

Sergio

etzt war es also soweit. Die vier bewaffneten Banditen waren in der gut besuchten Hafenkneipe und hatten noch alles unter Kontrolle. Sergio hatte auf dem Hof von Elpedes Vorhaben Wind bekommen und sich dem Wolfszüchter kurzerhand angeschlossen. Mit dem Überfall hier in der Stadt konnte man der Garde mal wieder einen auswischen. Die Leute hier hatten doch eh schon genug Kohle.

Jetzt stand Elpede auf einem Tisch in der Mitte des Raumes und zielte mit dem Bogen auf einen Gast. Sergio hatte sich kurzerhand den Wirt der Taverne, Kardiff, geschnappt und hielt ihn mit dem Schwert an der Kehle in Schach. Der Mann blickte ziemlich ängstlich drein. "Mach jetzt keine Dummheiten", zischte ihm der Bandit zu. "Sonst bist du schneller tot, als du ‚Hilfe' schreien kannst." Der Mann, den Elpede bedrohte, rührte sich erst nicht, holte aber dann, als der Wolfszüchter den Bogen demonstrativ weiter spannte, ängstlich seine Wertsachen hervor. Na, das schien ja erfolgreich zu verlaufen...


  Die Banditen

ie Sache lief besser, als erwartet. Niemand leistete Widerstand, niemand brüllte in den Raum, alle folgten brav den Anweisungen der Banditen und warfen ihre Wertsachen auf den Boden. Frodo sammelte die Beute ein, während die anderen drei die Menge mit ihren Waffen in Schach und bei Laune hielt. Viel war hier wirklich nicht zu holen, die meisten Gäste waren arme Schlucker, die wenig hatten. Frodo war es egal, er empfand kein Mitleid. Im Gegenteil, sie leisteten sogar eine gute Tat, denn Saufen war ja bekanntlich keine Lösung - es war Luxus. Genau wie das Rauchen von Sumpfkraut.

Sumpfkraut? Ach ja, richtig.

"Falls wir vergessen hatten, das zu erwähnen: Wir nehmen nicht nur diese lecker glänzenden runden Goldmünzchen, wir nehmen selbstverständlich auch Sumpfkraut!"

Frodo grinste zufrieden, während er weiter die Beute einsackte. Bald schon hatten sie alle Gäste durch.

"Okay", meinte Drake, "elpede, Sergio, Frodo - ihr geht rüber in die "rote Laterne", ich halte hier die Stellung. Beeilt euch. Wenn irgendwas schief geht, treffen wir uns am Strand unterhalb des Leuchtturms."

Den letzten Satz hatte er geflüstert, dieser war nicht für alle Ohren bestimmt. Drake blieb an der Eingangstür stehen. Während hinter ihm die drei anderen Banditen die Mauer entlang zur "roten Laterne" liefen, die nur wenige Schritte von der Kneipe entfernt lag.

Sergio

ilig, aber so unauffällig wie möglich, liefen die drei Banditen aus der Taverne, über die Straße und hinein in die Rote Laterne, vor der ausnahmsweise mal nicht der Typ stand, der die Leute mit höchst dämlichen Sprüchen in das dubiose Etablissement zu lotsen versuchte.
"Achtung! Das ist ein Überfall! Raus mit den Wertsachen und keine Mucken", rief Sergio. Alle Gäste inklusive der "Angestellten" guckten geschockt, hielten aber vor lauter Angst den Mund. Der etwas kurz geratene Frodo ging wieder mit dem Sack herum und sammelte alles ein, während Sergio den Besitzer der Laterne in Schach hielt und Elpede mit seinem Bogen die anderen Leute. Bald hatte Frodo den Sack recht prall gefüllt und hatte ein fieses Grinsen aufgesetzt.
"Frodo, du bleibst hier, Sergio und ich gehen zu Lehmar", ordnete Elpede dann an.


Elpede

ergio und elpede machten sich auf den Weg zum Geldverleiher, der sein Haus an der Hauptstraße hatte - am Ende des Hafenviertels, kurz bevor die ersten Häuser das Händlerviertel markierten. So nahe an der Unterstadt jemanden zu überfallen war ein riskantes Unterfangen, aber es ging gut. Der Geldverleiher war irgendwie etwas verärgert, offenbar hatte er Ärger mit einem seiner Kunden gehabt, und seine Schläger sahen auch nicht wirklich gesund aus, aber die Waffen der beiden Banditen überzeugten ihn, seine Wertgegenstände und reichlich Gold zu "spenden" - für einen "guten Zweck" natürlich. Außerdem trug der Geldverleiher einen Meisterdegen - eine Waffe, die elpede natürlich nicht einfach bei ihm ließ.

Mit reichlich Beute bepackt, machten sich die beiden auf den Rückweg ins Hafenviertel. Niemand hatte sie gestört, niemand hatte versucht, sie aufzuhalten - insgesamt ein leichtes Unterfangen.

Die Banditen zogen sich binnen weniger Minuten zurück zu den Booten, diesmal geführt von Sergio. Sie hatten reichlich Gold und Sumpfkraut erbeutet.

elpede blieb an der Kaimauer zurück. Er übernahm die Nachhut und wollte sichergehen, dass die Banditen auch wirklich entkamen und keiner der Bürger auf die Idee kam, die Kaserne zu besuchen. Ein letztes Mal schaute elpede den Booten nach, bevor sie in der Dunkelheit verschwanden. Dann machte er das Tuch ab, das sein Gesicht verhüllt hatte, und eilte über die Hauptstraße hinauf in die Unterstadt.

Tanz im Kastell
gepostet am 08.06.2003
  Estragon

er Magier hatte die Hände in die Hüften gestützt und starrte unzufrieden auf die Leintücher. Mehre unförmige Zeichen und Tintenkleckse waren darauf verteilt. So konnte das nichts werden.
Estragon schaute stirnrunzelnd auf die Vorlagen, blätterte in den Büchern und überflog noch einmal die Textstellen Wort für Wort.

Dann warf er sie frustriert hin und setzte sich neben seine "Kunst" und das Tintenfässchen. Fluchend kramte er seine Pfeife vor und zündete sie sich an.
Das Leinen ist einfach nicht das richtige...zu begrenzt...zu zweidimensional... urteilte der Magier missmutig und folgte den Rauchschwaden seines verbrennenden Tabaks.
Man müsste frei und leicht sein, wie der Rauch dort... frei und ungebunden... ohne Grenzen... aber mit Tinte geht das natürlich nicht, weil...
Estragon fuhr auf. Das Tintenfass kippte um und bedeckte die Leinen mit seinem schwarzes Inhalt. Die Brille das Magiers war von gelblichrot zu smaragdgrün umgekippt. Seine Gedanken jagten fieberhaft. Er schaute zum Himmel auf. Noch war Tageslicht.
Er packte den Pinsel und sein Schlagholz, das ihm inzwischen als Spazierstock diente, um sich dem Ausgang zuzuwenden.


Er erreichte sein Zimmer. Ohne zu Zögern schritt er auf seinen Schreibtisch zu. Dort war ein Mörser und einige Edelsteinsplitter platziert. Wenige, die er noch aus seinem Vorrat hatte retten können. Leider war sie schlecht geschliffen und für Arbeiten mit Magie fast unbrauchbar. Mehr Splitter als alles andere.
Doch für eines waren sie sicher noch zu gebrauchen. Estragon kramte in seinem Regal herum, wo sich schon ein paar Tiegel und Korkentöpfchen angesammelt hatten. Diese enthielten farblose Tinte und weitere Edelsteinsplitter.
Er nahm sich die Steingutschale des Mörsers vom Tisch, goss die farblose Tinte hinein und zog gleichzeitig sein Notizbuch vom Tisch. Dort hatte er seine bisherigen Nachforschungen feinsäuberlich eingetragen. Die schlaflosen Nächte boten genug Zeit für derlei Tätigkeiten.
Er haute die Splitter in den Mörser und rührte alles noch einmal um. Dann sah er auf. Die Balkontür hatte er bei diesem sonnigen Wetter offen gelassen. Nun, es würde seine Augen und seinem Hirn nicht viel Freude bereiten, aber er brauchte das Sonnenlicht.

Der Magier stieg mit der Schale und einem Stuhl auf den Balkon. Khorinis Berglandschaft tat sich vor ihm auf. Bäume wiegten im matten Dunkelgrün von Tannennadeln. Vögel sangen den Abendgruß und wenige Cyruswolken, die wie hingetuscht am Himmel hingen, zogen über das Kastell mit den zeitlosen Bewegungen eines sich immer wiederholenden Zyklus.
Das alles kümmerte Estragon wenig. Er hielt den Blick starr auf die Schale gerichtet, als könnten seine Augen allein schon den Zauber vollbringen, den er anstrebt. Doch etwas fehlte noch. Estragon wandte sich um und kehrte ins Zimmer zurück. Auf dem Schreibtisch war sein Notizbuch zurückgeblieben. Der Brillenträger zog es an sich und trat zurück auf den Balkon.
"Nun werden wir sehen, was das bringt", knurrte er und hob das Buch vor die Augen. Das Sonnenlicht stand direkt auf dem Balkon. Die Schale war ein funkelndes Diadem. Ein farbiger Kosmos aus Licht und schimmernder Bewegung. "Mhmm... die Tinte muss sich bewegen..." sagte der Magier und bückte sich nieder, warf noch einen Blick auf seine geschrieben Seiten und Skizzen. Dann pustete er sanft in die Schale. Die Tinte begann zu zittern. Berge und Täler begannen zu wandern.

Das Sonnenlicht brach sich in wirren Mustern. Geordnetes Chaos helographierte aus dem Zentrum der Schale.
"Gut, jetzt die Worte...", hauchte Estragon. Er beugte sich über den Rand des Gefäßes und fing an, seine Mitschriften abzulesen.

"Kell mir karcurm. Feng tra minur. So tar beallar."
Er wisperte die Worte, damit die Tinte sich weiterhin bewegte und das Sonnenlicht brach. Es durchstieß die Haut der Flüssigkeit. Die Splitter fingen das Licht ein und bündelten es.
Dann veränderte sich plötzlich die Atmosphäre. Ein Wirbel stieg in dem Steingutbehälter auf. Splitter stiegen auf und fielen wieder. Blutrote Tränen, goldene Tropfen, smaragdfarbene Blitze und kobaltblaue Perlen. Alles drehte sich mit dem Strudel. Estragons Augen weiteten sich aufgeregt hinter den Brillengläsern. Er verstärkte seine murmelnde Beschwörung. Der Strudel erreichte den Rand der Schale.
"... kallinor... mitirnor... FANGORA", schrie der Brillenträger unvermittelt. Die Schale zersprang in tausend Stücke.
Estragon zuckte erschrocken zurück.
Ein paar Augenblicke später öffnete er die Augen und kam aus dem Stauen nicht mehr raus.
Über den Stuhl schwebte in der Luft eine silberne Flüssigkeit mitten in der Luft. Sie hatte noch die Form der Schale am unteren Bereich. Oben war die aufgewühlte Tintenoberfläche zusehen, die sich langsam beruhigte.
Estragon sah, wie glasklare Splitter aus der schwebenden Flüssigkeit auf den Stuhl fielen und davon auf den Balkonboden perlten.
"Das glaube ich nicht... "
Mit zitternden Händen zog er den Pinsel aus der Robe und tauchte ihn in die Flüssigkeit. Sofort sog der Haarkopf sich voll, die Halbkugel nahm an Volumen ab.
Der Magier lächelte triumphierend

  Der Magier lugte durch das halb geöffnete Tor des Innenhofes. Dieser lag schon fast im Dunkel der Nacht versunken.
Estragon schaute sich verstohlen um. Augenscheinlich war niemand zu sehen. Er huschte durch das Tor und kam ungefähr in der Mitte des Weges zur Esche zum stehen.

Jetzt zog er den Pinsel vor. Stumm betrachtete er ihn eine Weile. Jeder Krieger braucht sowohl Verstand… als auch Herz…
Estragon nickte und trat vor. Er hielt den Pinsel vor sich wie ein Fechter zu Duellbeginn seine Waffe vorhält.
Nun schloss er die Augen und rief die Symbole, die er aus den Büchern kannte. Er führte den ersten Schlag. Der Pinsel fuhr durch die Luft. Silberne Tränen glitzerten in der Luft. Dann fingen sie ihren Sturz ab, wurden langsamer. Begann zu schweben.
Stahlfarbene Insekten gleich, standen sie in der Luft und vibrierten langsam. Estragon drehte sich um die eigene Achse, wobei er den Pinsel wie zu einem Diagonalschlag zum Gegner führt. Der silberne Perlenstreifen folgte ihm.
Dann verlor Estragon irgendwie die Kontrolle über seine Gedanken. Alles begann sich zu heben, wie Meeressand, der von einer Welle aufgespült wird. Er empfand die Kälte des Brunnenwassers, obwohl die magische Quelle viel zu weit weg war. Er hörte das Gemurmel von Stimmen... eine Predigt… des Wassermagiers Vatras… Das ist doch unmöglich…
Doch noch bevor Estragon sich darüber wundern konnte, roch er den süßen Duft von Sumpfkraut, das im Pyramidental gerade die Lunge eines Novizen durchströmte.
Er schlug die Augen auf.
Das erste Zeichen war fertig und hin in blauvioletten Haken und Bögen vor ihm. Er starrte es mit offenem Mund an.


Das zweite Zeichen folgte sogleich. Estragon ließ wieder seine Gedanken treiben. Diesmal verkrampfte er gar nicht, sondern fuchtelte einfach drauf los. Zwei schnelle Hiebe im Vertikalen und ein Wirbel an der Hüfte nach oben. Dann drehte er sich zurück und stach zwei Mal zu. Die silbernen Linen sausten umher, folgten dem Pinselkopf, erstarrten in der Luft und verfärbten sich zu feurigem Granat, weichem Azur, hellem Indigo, feinem Safran, milchigem Topas und hartem Mintgrün.


Das erste Zeichen war derweil wie bläulicher Nebel verweht. Dabei ertönte ein weicher Klang, wie von unzähligen Fideln und Schalmeien.
Estragon setzte ab, das zweite Zeichen war geschaffen. Doch er beachtete es kaum. Seine Brille war gleitendes Weiß. Er wirbelte immer schneller. Der Pinsel schnitt und wedelte umher. Die Zeichen wurden prächtiger und ausladender.
Doch nun erklang auch ihre Melodie. Eine dustere Tonfolge, voll Schmerz und Zweifel. Estragon wurde sich bewusst, dass die Zeichen nicht mehr den Vorlagen, sondern ganz seinen Gefühlen entstammten. Und diese sprachen von nichts Gutem. Nicht kraftvoll, sondern zögernd. Nicht souverän, sondern zitternd. Nicht gewiss, sondern nervös. Und nicht mutig, sondern trauernd.
Estragon wollte diese Musik nicht hören, doch sie erklang. Sie schallte immer lauter. Und er zeichnete weiter. Der Innenhof wurde erleuchtet von tiefen Farben und schimmernden Formen. Wie Nebelgeister jagten sie sich und die Schatten der Eschenkrone bewegte sich zuckenden über die Wände des Hofes.
Estragon konnte nicht aufhören. Sein Herz pumpte all die gegeißelten Empfindungen aus dem Fleisch. Der Magier tanzte nun durch den Innehof.

Renata

twas war los im Innenhof. Gleich Irrlichtern zuckten kleine Blitze zwischen den Säulen des Arkadenganges entlang und lockten die Magierin aus der Halle. Erst im Näherkommen konnte sie erkennen, dass es mehr war als diese Blitze, der ganze Innenhof schien in einer Art Seifenblase eingehüllt, über deren stofflose Oberfläche farbiges Licht schwamm, Lichtrinnsale und Lichtseen bildete, die verwirbelten, ineinander flossen und sich an anderer Stelle neu bildeten.

Dieses Schauspiel hielt den Blick erst einmal so sehr gefangen, dass ihr der Schatten, der sich in der Mitte unterhalb dieser Lichtkuppel bewegte, erst beim dritten oder vierten Hinsehen auffiel. Aber auch dann traute sie ihren Augen nicht. War das wirklich der kühle Magier Estragon, der sich da wie in Trance mit erhobenen Armen einer imaginären Musik folgend mal hin und her wog, mal sich langsam drehte? Im Schein des wirbelnden und sich windenden Lichts warf er bizarre Schatten, mal verzerrt, mal klar begrenzt.

Je länger Renata hinschaute, desto mehr glaubte sie auch dem Rhythmus in Gedanken folgen zu können, von dem Estragon angetrieben wurden. Nicht, dass sie Musik gehört hätte, aber die Bewegungen des Tänzers in der Mitte formten eine Art Muster, Wellen, gleich einer Melodie, deren sich wiederholende Tonfolgen ein Ornament zu zeichnen schienen. Ornamente, die immer klarer wurden, so klar, dass sie am Ende tatsächlich den Klang vernahm.

Ein Wunder inmitten einer mit Wundern angefüllten Festung, ein Wunder, groß genug, dass es auch Schwarzmagier zum Staunen bringen konnte.